Mut für eine Zukunft mit Kindern Wider die soziale Depression: Eine Tagung auf Burg Rothenfels verbreitet Hoffnung und Zuversicht

von Jürgen Liminski

Die Trends zur Auflösung von Ehe und Familie sind seit Jahren bekannt und seit Jahren bemühen sich interessierte Kreise auch, diesem Elend positive Seiten abzugewinnen. Unabhängigkeit der bewusst und gewollt Alleinlebenden, ihre größeren Karrierechancen und ferneren Weltreisen, ihre Partylaune und ihre stressfreien Zeiten. Gleichzeitig wird von dem politisch-medialen Establishment, in dem die Kinderlosen weit überrepräsentiert sind, auch das mühsame Leben in Familie dargestellt und wie man sich davon befreien kann, indem man im Glück der beruflichen Selbstverwirklichung aufgeht, das dieses
Establishment eben bemüht ist, allen Frauen zu bieten. Wie gesagt, altbekannt. Gleich zwei Beispiele brachte der vergangene Samstag. Da wurde breit und positiv über die so genannte Love-Parade berichtet, übrigens mit sehr unterschiedlichen Zahlenangaben, so als ob die Perversion der Natur in den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ein erstrebenswertes Ziel der Spaßgesellschaft sei. Auch bekannt. Und dann wurde eine neue magische Zahl veröffentlicht. Gleichsam triumphierend berichteten die Medien von den Milliarden Euro, die man im Bildungssystem einspare, weil es weniger Kinder gebe. Die Prognos-Studie, die das für den Sponsor Robert-Bosch-Stiftung ausgerechnet hat, nennt es die „demographische Rendite“. Wer das konsequent weiterdenkt, muss zu dem Schluss kommen, diese Rendite ist am größten, wenn gar keine Kinder mehr geboren werden.

Eine absurde Welt. Der gesunde Menschenverstand nennt so etwas „totsparen“ oder „kaputtsparen“. Und genauso nannte es auch Professor Paul Kirchhof am selben Tag auf der Burg Rothenfels vor rund fünfhundert Zuhörern. Sie waren zur Jahrestagung des Vereins Verantwortung für die Familie – Freundeskreise Christa Meves (www.christa-meves.de) auf die Burg nahe Würzburg gekommen, um Kirchhof und andere, nicht zuletzt Christa Meves selbst zu hören. Denn diese Tagung widerspricht den Trends und der Philosophie des politisch-medialen Establishments. Sie tat auch diesmal. Es kam schon im Titel zum Ausdruck:
Chancen für Kinder – Hoffnung auf Zukunft – Impulse für die Politik. Es kam auch zum Ausdruck in den strahlenden Gesichtern der Kinder selbst, mehr als ein halbes Hundert, die an diesem Wochenende auf dem Burggelände spielten und betreut wurden und gleichzeitig bekundeten, wie ernst ihre Eltern all diese Dinge nehmen, die man da im großen Rittersaal der Burg hören kann. Zum Beispiel die Zusammenhänge, die Kirchhof in den Titel seines Vortrags kleidete, „Verantwortung für Kinder ist Verantwortung für Werte“ und den er mit den Worten begann: Man müsse „Ideale mit einem Gesicht versehen, mit dem
Gesicht der Kinder“. Dieser Mann glaubt nach wie vor daran, dass es in Deutschland möglich ist, „die Kraft zur Freiheit und zum Dialog aufzubringen, um die Moralität im Alltäglichen zu leben“. Auch er verkennt die reale Situation freilich nicht. In keinem anderen Staat unter den 191 Ländern der Welt gebe es (prozentual) so viele Menschen, die ohne Kinder lebten wie in Deutschland und das bei so hervorragenden Bedingungen für die
Lebenskultur und die Kapitalausstattung. Dennoch sei der Wunsch nach Kindern vorhanden, 81 Prozent der Menschen zwischen 18 und 40 Jahren hätten ihn (und 88 Prozent der Eltern wünschten sich Enkelkinder). Dennoch werde dieser Wunsch nicht verwirklicht, „weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen“. Kirchhof nennt die Defizite der Rahmenbedingungen und bietet gleichzeitig die Remedur. Gerade das vermittelt die Hoffnung, dass es doch noch nicht zu spät ist. Deutschland sei durch die vergangene Wahl auf dem Weg zum Gipfel zurückgeworfen, aber der Gipfel sei im Blick und ermuntere zu neuer
Anstrengung; das Denken in diesem Land sei zu stark wirtschaftlich orientiert, die Erziehungsleistung sei ökonomisch entwertet worden, aus „dem Freiheitsangebot Familie und Beruf ist eine Alternative geworden“, das müsse durch die Honorierung der Erziehungsleistung wieder repariert werden, „wir müssen die Menschen an den gesellschaftlichen Einkommensströmen beteiligen, die die wichtigste Leistung für die Gesellschaft erbringen, indem sie Kinder erziehen“. Ohne Mütter, ohne Erziehung gebe es keine leistungsstarken Mitglieder der Gesellschaft. Wenn Eltern versagten, könne der Staat diese
Aufgabe nicht leisten. Es sei „fundamental entscheidend für die geistigen Werte des Kindes“, wer das Kind erziehe. „Das Gesicht der Mutter ist das Weltbild des Kindes“. Das bestätigten seit einigen Jahren auch die Hirnforscher.

Dieses Weltbild dürfe nicht durch die einseitige Ausrichtung auf Erwerbstätigkeit verzerrt werden. „Wir müssen uns fragen: Wollen wir eine im Erwerb erfolgreiche oder eine im Kind vitale Gesellschaft sein?“ Das Konzept dazu sei vorhanden, der „Reparaturbetrieb namens Bundesverfassungsgericht“ habe mehr als ein Element dazu geliefert, auch und gerade im Rentenrecht mit Ansprüchen für die Mütter („sie müssten im Alter die höchsten Ansprüche haben wegen der Leistung für die Zukunftssicherung aller“), aber es fehle momentan die Kraft, das Kapital so zu verteilen, dass Gerechtigkeit herrsche. Immer wieder wird „der Professor aus Heidelberg“ durch spontanen Applaus unterbrochen, besonders stark brandet er auf, wenn er von den Müttern spricht. Auch bei den anderen Rednern, vor allem bei Christa Meves, führen die Mütterpassagen zu Beifallsstürmen und zeigen damit an, wie sehr gerade die Mütter in dieser Gesellschaft diskriminiert werden.

Ein weiteres Defizit: Das Kind habe in dieser Demokratie keine Stimme. Das Grundprinzip laute, ein Mensch eine Stimme. Das Kind sei ein Mensch, also komme ihm eine Stimme zu und bis es voll geschäftsfähig sei, solange übten die Eltern treuhänderisch dieses Recht aus. Apropos Eltern. Kirchhof verteidigt vehement die Ehe, die „Hausgemeinschaft, die Beistandsgemeinschaft. Ehe ist potenzielle Elternschaft“. Der Schutz des
Kindes sei durch die Ehe von Mann und Frau – „alles andere ist keine Ehe“ – gewährleistet, die prägende Kraft der Eltern könne ergänzt, nicht ersetzt werden. Es sei zu bedauern, dass in der Europäischen Grundrechtecharta“nicht mehr von Ehe und Familie“ die Rede sei. In diesem Zusammenhang weist er darauf hin, dass das Ehegattensplitting „nur in ein Familiensplitting erweitert aber nicht dadurch ersetzt“ werden dürfe, sonst werde das Geld im besten Fall nur innerhalb der Familien verteilt. Kirchhof begründet die verfassungsrechtliche Garantie für das Ehegattensplitting mit der
Erziehungsleistung, auch der bereits vollbrachten. 90 Prozent der Eheleute seien Eltern, 47 Prozent davon noch erziehende, die anderen hätten ihren Erziehungsauftrag erfüllt und es wäre eine schreiende Ungerechtigkeit und zynisch obendrein, wenn man diesen Menschen sagte, „jetzt könnten sie ja erwerbstätig werden, so wie Junggesellen“. Deshalb könne das Ehegattensplitting nicht ersetzt, sondern nur erweitert werden und dazu bedürfe es natürlich Geld „jenseits der Familien“. Darüber müsse man die Bevölkerung aufklären.

Kirchhof ist davon überzeugt, dass der Generationenvertrag „von unseren Kindern und Enkeln nicht erfüllt werden wird, weil er nicht mehr erfüllt werden kann“. Es werde darauf hinauslaufen, dass die Kinder die Beiträge für ihre Eltern werden verwenden wollen und dass die Kinderlosen für sich selbst mit Kapitalbildung werden vorsorgen müssen. Das müsse man „heute schon den Kinderlosen sagen, heute schon müssen wir den Generationenvertrag in Frage stellen“. Ein kurze Rechnung mache das deutlich: Wenn man ab heute jährlich hundert Milliarden Euro Staatsschulden zurückzahle, dann bräuchte man 30 Jahre, bis alle Schulden getilgt seien. Aber man zahlt gar nicht zurück, sondern macht neue Schulden. Dies sei von den künftigen Generationen nicht mehr zu schultern. Stehend und mit donnerndem Applaus dankte das Publikum Kirchhof für den Vortrag.

Solche Ovationen erntete dann nur noch Christa Meves, die, mittlerweile 82jährig, fast anderthalb Stunden referierte und ihrerseits Hoffnung vermittelte. Sie sehe zwar viel Elend in ihrer Praxis und auf den Vortragsreisen, aber sie sehe auch, gerade bei den jüngeren Jahrgängen, einen stabilen familiären Hintergrund. Diese Gesellschaft sei „keineswegs durchgängig kaputt“. Es gebe gerade unter christlichen Familien und
Verbänden eine „leistungsfähige Elite“, auf die man setzen könne. Es sei eigentlich immer dasselbe Phänomen: Die Liebe siegt. Die gekonnte, die gewollte, die selbstlose Liebe vor allem der Mütter, sie schaffe Zukunft in den gesunden Kindern. Meves belegte ihre Prognosen mit Studien der vergangenen Jahre. Aus ihnen gehe etwa hervor, dass Kinder aus Krippen weniger gemeinschaftsfähig seien als Kinder, die von ihren Müttern erzogen wurden. Frau Meves zieht die neuere Hirn-und Bindungsforschung heran, kann aber auch auf andere, frühere Forschungsarbeiten hinweisen, die sie selbst noch erlebt und begleitet hat und die zum selben Ergebnis führen. Geradezu beglückt wirkt Christa Meves, wenn sie auf diese Linie hinweisen kann, die „doch nur die Linie der menschlichen Natur ist“. Die Natur ist eben nicht zu besiegen.

Von diesem Optimismus getragen waren auch die anderen Vorträge, etwa von Professor Hans Schiesser, der vor allem auf die unterschiedlichen Schulleistungen von Kindern abhob, die von der Mutter erzogen wurden oder die der Mutter entbehren mussten. Verblüffend die Ergebnisse aus Amerika: Dort sind „homeschool-kids“ durchweg besser als andere, die Bewegung der „Schule zuhause“ wachse entsprechend.

Etwas aus diesem Rahmen elterlicher Zuversicht in die Zukunft der Gesellschaft geriet der Vortrag des früheren sächsischen Justizministers und Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, Steffen Heitmann, weil er – mutig vor diesem Publikum – resignierend anmerkte, dass das Problem der Abtreibung wegen des gesellschaftlichen Konsenses in dieser Frage nicht zu lösen sei. Dafür musste er sich einige kritische Fragen und Bemerkungen anhören.

Sein nachfolgender Redner, Professor Manfred Spieker, wies in seinem Referat über die Kultur des Todes in Europa auf die unveräußerlichen Rechte des ungeborenen Kindes hin und auf Trends außerhalb Europas, dieser Kultur des Todes die Stirn zu bieten. Das Beispiel Amerika zeigt, dass dies möglich ist. Ja, Europa braucht dringend, wie man am Sonntag vielfach in Beiträgen hören konnte, einen Aufbruch zu einer christlichen Kulturrevolution. Da herrschte Konsens. Deshalb fand tags zuvor die Meinung von Steffen Heitmann über die Väter („ich hoffe von den Müttern her, Väter können nichts tun“) wenig Zustimmung. Gerade weil die Schalthebel der Gesellschaft meist von Männern betätigt werden, auf die der Vorwurf der Kinder- und Familienvergessenheit zutrifft, können und müssen Väter versuchen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern und zwar im christlichen Geist.

Wer die Begeisterung des Publikums, die Zuversicht auch und gerade der zahlreichen jungen Teilnehmer beobachtete, wer zudem die Initiativen sah, die sich vorstellten, etwa das Familiennetzwerk „Familie sind wir“ (www.familie-sind-wir.de), das per Internet gegen die Verstaatlichung der Erziehung und gegen die „Ausbeutung des Mutterberufs“ mobil macht, der konnte sich des Eindrucks kaum erwehren, dass von Burg Rothenfels, die schon manches Revolutionäre gehört hat, Impulse ausgehen für eine Erneuerung. Diese Erneuerung wird vielleicht noch dauern, aber sie wird auf jeden Fall christlich sein. Denn der Kraft und der Kohärenz des christlichen Menschenbildes, der Natur der Liebe, steht im besten Fall das Nichts gegenüber und das war noch nie von Dauer.

Quelle: DT vom 18.07.2006