Die Familie im Kreidekreis zwischen Staat und Kirche

von Andreas Laun

Ähnlich wie bei dem „Urteil des Salomon“ muss bei B. Brecht der Richter Azdak entscheiden, welcher der „beiden“ Mütter das Kind zuzusprechen sei: der biologischen Mutter, die ihr Kind verlassen hat, oder der Magd Grusche, die ihr Leben riskiert hat, um es zu retten. Der Richter lässt das Kind in einen Kreidekreis stellen. Es soll derjenigen Frau gehören, der es gelingt, zu sich aus dem Kreis zu ziehen. Dabei erweist sich Grusche als wahre Mutter: Sie lässt das Kind los, damit ihm kein Leid zugefügt wird. Nicht Erbrecht und Blutsbande entscheiden den Streit, sondern die wahrhaft mütterliche Liebe.

Heute stehen sich zwei Kräfte gegenüber, Kirche und Staat, die beide den Anspruch auf das Recht erheben zu bestimmen, was Familie ist und wie sie auszusehen hat. Dabei steht der Staat deutlich unter einem Einfluss des Zeitgeistes, dem er sich kaum entziehen kann. Ich wende mich zuerst der Familie zu, wie sie der Zeitgeist haben will.

I. Die zerrissene Familie

Bevor ich mich der herrschenden Familien-Ideologie zuwende, möchte ich festhalten: Gott sei Dank, das, was Ideologen wollen, ist nicht identisch mit dem, was ist. Je naturwidriger die Ideen, desto schwerer ist es, sie zu realisieren. Das beweisen die vielen Familien, die trotz aller Infragestellungen, Versuchungen, gesetzlicher Benachteiligungen standhalten und in unseren Ländern das Leben erhalten. Allein diese Unverwüstlichkeit der Familie zeigt, dass sie eine Idee Gottes und keine bloß menschliche Erfindung ist.

Dennoch, die Umschulungsversuche der Anti-Life-Ideologie sind schmerzhaft. Je enger das Prokrustesbett ist, desto größer die Qualen dessen, der ins Bett gepresst wird. Und doch: Sogar dem Prokrustes setzt die Natur Schranken und setzt sich immer wieder durch.

Aber wenn es nach den Anti-Familien-Ideologen ginge – was wollen sie? Um das Widernatürliche der Zielsetzungen zu begreifen, müssen wir uns den uralten, ewigen Begriff der Familie vor Augen halten:

Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, einander zugeordnet. Die Geschlechtlichkeit dient einerseits der Aufhebung der Einsamkeit des „Adam“, andererseits steht sie im Dienst der Zeugung und damit der Kinder. Voraussetzung dafür ist: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, er wird seiner Frau anhangen, und die beiden werden ein Fleisch werden.“ Nach dem Plan des Schöpfers sind Ehe und Familie ein Quelle der Freude: „Endlich Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch“, ruft Adam, glücklich beim Anblick der Frau.

Die Familie ist dabei ein lebendiges Ganzes aus all den Elementen des Schöpfungsplanes, und man kann keines davon herausreißen, ohne das Ganze zu schädigen.

Stellen wir diesem Plan Gottes gegenüber, was die heutigen Ideologen behaupten und mit fast allen Mitteln durchsetzen wollen:

Grundlage für alles ist die Idee der „sexuellen Selbstbestimmung“. Man behauptet, dies sei ein Menschenrecht. In den USA hat schon der Oberste Gerichtshof befunden, dass es dieses Recht gibt. Daher meint man, dieses Menschenrecht schützen zu müssen gegen jede „Diskriminierung“ jedweder „sexuellen Orientierung“ (wenn es sich nicht um Pädophilie handelt – das wäre zumindest bisher noch nicht politisch korrekt).

Sonst aber erstreckt sich diese „Selbstbestimmung“ auf alles und jedes, auf jedes einzelne Element von Ehe und Familie, herausseziert und sozusagen einzeln „verpackt“ und „portioniert“. Man tut so, als ob man sogar die geschlechtliche Identität des Menschen bestimmen könne, und behauptet, jedwedes sexuelles Verhalten und alle „Formen des Zusammenlebens“ seien im Grunde gleichgut und natürlich in gleicher Weise Gegenstand des Menschenrechtes namens Selbstbestimmung.

Im Namen dieses Anspruches auf „Selbstbestimmung“ zerlegt man Ehe und Familie in buchstäblich alle seine Elemente, eliminiert die Bausteine nach Gutdünken oder versucht sie anders zu kombinieren – ganz nach Vorgabe der „Selbstbestimmung“ und in einer Konsequenz, die der Logik des Bösen und der Lebensfeindlichkeit entspricht:

Gender: Die Bibel sagt: Mann und Frau. Heute sagt man: Es gibt nur den Menschen, der sein „gender“ selbst bestimmt und selber wählt, welche Geschlechterrolle er leben will – manchmal, meistens oder immer. Daher die „Freude“ bestimmter Leute über Homosexuelle (und Steuergelder für ihre Loveparaden) – denn sie sind der Beweis, dass es „anders“ geht: gegen die Schöpfung des Menschen als Mann und Frau.

Homoehe: Wenn es nur eine Sorte Mensch gibt und das Mann- oder Frau-Sein nur davon abhängt, in welche Rolle der an sich geschlechtsneutrale Mensch – trotz der lästigen Unterschiede im Körperbau – schlüpfen will, ist es folgerichtig, auch Homosexuellen die „Ehe“ zu erlauben: gegen die Exklusivität der Ehe und ihre Bestimmung zur Fruchtbarkeit.

Adoption und „institutionelle Erziehung“: Gott hat den Eltern eine besondere Verantwortung für die Erziehung der Kinder mitgegeben und darum gibt es das Elternrecht. Heute tut man so, als ob es eine Gnade des Staates wäre, den Eltern die Kindererziehung abzunehmen und ob es gleichgültig wäre, wer die Kinder erzieht. Folgerichtig will man auch Homosexuelle adoptieren lassen: gegen das Recht von Vater und Mutter.

Zusammenleben: Die Bibel sagt: „Anhangen“. Heute sagt man: „Anhangen“ ist entbehrlich, Entscheidung überflüssig. Auch „nur so“ lebt man gut zusammen. Darum will der Staat auch Lebenspartnerschaften irgendwie anerkennen (obwohl es nicht in jedem Fall falsch ist, Gesetze zu machen, die die bitteren Folgen der „Herzenshärte“ abfedern): gegen das königliche Jawort der Liebe.

Lebens-Abschnitt-Partner: Die Bibel meint „für immer“. Heute sagt man: Die Zeit, für die sich Leute aneinander binden, können und sollten sie selbst bestimmen. Bis der Tod sie scheidet? Nein, Lebensabschnitts-Partnerschaften scheinen das menschlichere Modell zu sein: gegen die Endgültigkeit der Liebe.

Begehren: Die Bibel weist dem sexuellen Begehren seinen legitimen Platz in der Ehe zu. Nur dort ist diese Lust menschlich, beseelt von der Liebe und ihr untertan. Durch diese Einordnung unterscheidet sich die Lust des liebenden Ehepaares vom Besuch im Bordell. Heute sagt man zwar immer noch „Liebe“, meint aber nur irgendein Begehren, losgelöst von Liebe und Ehe. Die Lust wird sich selbst entfremdet und degradiert zu einer bloß körperlichen Empfindung. Es genügt der Kitzel, es genügt, den (angeblich) selbstbestimmten „sexuellen Vorlieben“ nachzugehen: gegen den Primat der ehelichen Liebe gegenüber dem sexuellen Befriedigung.

Verhütung: Die Bibel nennt die „Vermehrung“ als zumindest eines der sinnstiftenden Ziele der Sexualität. Heute sagt man: Sexualität ist vor allem Quelle des Wohlbefindens. Die Zeugung kann und sollte man, weil fast immer störend, ausschalten. – In kirchlichen Kreisen hat der Zeitgeist eine Variante hervorgebracht: Man meint, Verhütung stehe im Dienst der Liebe, gebe dieser mehr Raum, und im übrigen wäre es unmöglich, ohne Verhütung zu leben. All diese Ideologien richten sich gegen die unlösbare Einheit von Liebe und Offenheit für das Leben.

IVF: Aber auch die Zeugung wird von der Liebe getrennt. Um zu zeugen, braucht der Mann nicht mehr mit seiner Frau „ein Fleisch zu werden“. Es genügt, wenn er seinen Samen und sie ihre Eizelle im Labor abliefert oder beide Keimzellen zukaufen: gegen die Bindung der Zeugung an den Akt der ehelichen Liebe.

Abtreibung: Insofern auch die Abtreibung der Logik der selbstherrlichen Selbstbestimmung folgt, ist auch sie hier zu nennen: Wer Leben zeugt, hat auch das Recht, es zu töten. Besonders beklemmend ist es dabei zu sehen, wie sich die Bereitschaft zu töten ausbreitet: Waren es zu Beginn der weltweiten Bewegung nur „schwerst behinderte Kinder asozial-debiler Frauen“, denen man die Strafe für das Unrecht namens Abtreibung erlassen wollte, reden heute prominente Leute längst von „Frauenrecht auf Abtreibung“. Zudem hat man die Kriterien des Töten-Dürfens längst ausgedehnt. Von einem Bioethiker, dessen Namen ich nicht weiß, soll der Gedanke stammen: Die Tötung von Babis nach der Geburt sei durchaus möglich, weil sich „im moralischen Sinn auf dem Weg durch den Geburtskanal doch keine Änderung ergäbe…“ Wir Lebensschützer haben das immer schon gesagt, nur in die umgekehrte Richtung: Man darf (ungeborene) Kinder „vor dem Geburtskanal“ nicht töten, weil sie dieselben Kinder sind wie „nach dem Geburtskanal“, wenn man Geborene nicht töten darf, darf man auch keine Ungeborenen töten. Siehe da, die Logik funktioniert auch umgekehrt: Wenn Ungeborene töten zu dürfen, ein Menschenrecht ist, dann ist es auch ein Menschenrecht, Geborene zu töten. Man zeige mir den Denkfehler, wenn ich sage: „Hitler lässt grüßen und würde wohl sagen: Das habe ich doch schon immer gesagt…“ All das ist ein klarer Affront gegen das 5. Gebot.

Polyamor statt Ehe: Das ist die letzte Konsequenz der in ihre Elemente sezierten Liebe: Polyamor statt Ehe und Familie. Diese Ideologie strebt weder Ehe noch Homoehe an, sondern will, dass der Staat nur noch ein Vertragswerk anbietet, das allen fast alles möglich macht. Dabei soll die Institution Ehe in eine Vielzahl von vertraglich geregelten Beziehungen umgewandelt werden: Zusammenleben mit einer Frau, mit einem anderen Mann, mit mehreren Frauen, mit mehreren Männern, für immer, auf bestimmte Zeit – und ich weiß nicht, was noch alles als Variable „selbst bestimmt“ werden soll.

Singel: In der Bibel heißt es, dass Gott die Eva angesichts der Einsamkeit des Adams schuf. Heute geht der Trend zum Singel, der sich mit einem Albert-Camus-Pathos zur Einsamkeit bekennt oder leugnet, dass sie ihn schmerzt. Ein tragisches Zurück zur vorparadiesischen Einsamkeit, von der die Bibel sagt: Gott sah, dass es nicht gut ist, wenn der Mensch allein ist.

Amputieren und Zerstückeln eines Lebenwesens heißt immer es krank machen oder töten. In dem Maße, in dem man Ehe und Familie zerstückelt, erkrankt und stirbt die Gesellschaft.

II. Der Plan Gottes statt Selbstbestimmung

Alle hier Anwesenden wissen, wie anders die Kirche denkt. Dennoch ist es gut, sich auf dieser dunklen Folie der gesellschaftlichen Irrwege und Verblendungen die biblisch-christliche Idee von Ehe und Sexualität klarzumachen:

Der Selbstbestimmung steht der Begriff des „Planes Gottes“ gegenüber, philosophisch formuliert das Naturrecht. Gott schuf den Menschen als Mann und Frau. Diese Gemeinschaft von Mann und Frau ist weder das Zufallsprodukt der Evolution noch ist sie vom Wollen, Nichtwollen oder Anderswollen des Menschen abhängig. Gott schuf den Menschen so, Er legte sein Gesetz in ihn hinein und Er wollte den Menschen so – gleich in der Würde der Ebenbildlichkeit Gottes, aber verschieden in ihrem Mann- und Frau-Sein und gerade dadurch wieder eine Einheit bildend. Sogar wenn es eine Evolution gäbe, die alle Lebensformen „entwickelt“ hätte, wäre die Ehe auch als Produkt der Evolution „Plan Gottes“, weil dann ja auch die Evolution im „Plan Gottes“ gewesen wäre.

Das ist so, und wer daran rüttelt, vergewaltigt den Menschen. Es ist wichtig zu begreifen: Wir Christen stellen der Idee der Selbstbestimmungsideologen nicht eine andere Idee der Christen entgegen – Menschenidee gegen Menschenidee -, sondern wir verweisen auf Gott. Bezüglich Ehe und Familie wollen wir nicht „schöpferisch“ sein, wir erfinden nicht irgendwelche „Modelle“ des Zusammenlebens, sondern wir suchen den Plan Gottes zu verstehen und danach zu leben. Wie im Umgang mit den Tieren sind wir überzeugt, dass es auch für den Menschen nur eine einzige „artgerechte Haltung“ gibt, nämlich diejenige, die seiner Natur als Mensch entspricht. Was wir „artgerecht“ nennen, hat Thomas von Aquin „secundum naturam vivere“ genannt. Der Plan Gottes mit dem Menschen ist zugleich eine „Gebrauchsanleitung“ und nur wenn wir mit dem Menschen entsprechend dieses „Bedienungs-Handbuch“ umgehen, kann sein Leben gelingen, nur dann wird er glücklich.

Während die Selbstbestimmungsideologie zerstückelt und damit den Menschen in den Tod treibt, besteht die Kirche auf der organischen Einheit von Ehe und Familie mit all ihren Elementen und verkündet damit das „Evangelium vom Leben“ .

III. Die „Blumen des Bösen“

Die sezierte, zerstückelte, zerstörte Sexualität kann nicht funktionieren. Natürlich sieht man das nicht gleich, und zwar deswegen nicht, weil es den Ideologen trotz ihrer finanziellen Ressourcen und ihrer politischen Macht nicht gelingt, die gottgeschaffene Natur von heute auf morgen auszurotten. Wenn man die Natur durch die Türe verjagt, kommt sie durch das Fenster wieder zurück, besagt eine alte Weisheit. In Albanien hat man versucht, einen wirklich atheistischen Staat zu schaffen, und heute ist der Flughafen des Landes nach Mutter Teresa, einer katholischen Heiligen benannt, und gegen die Muttergottes in Fatima haben die portugiesischen Atheisten auch eine traurige Figur gemacht.

Wie der Kommunismus mit seiner menschen-feindlichen, die Natur des Menschen verfehlenden Ideologie gescheitert ist, so werden auch die Ideologen der Todeskultur, die meinen, sie könnten die Bausteine des Lebens beliebig anordnen und zurechthauen, wie es ihnen passt, scheitern.

Dass sie scheitern, ist zwar ein Trost und Grund der Zuversicht, aber die Zeit bis sie scheitern ist erschreckend. Vor nicht ganz 100 Jahren hat der Kommunismus versucht, die ganze Gesellschaft „selbst zu bestimmen“ nach einem Modell, das sowohl der Schöpfungsordnung als auch der „condition humaine“ nach dem Sündenfall als auch den Geboten Gottes widersprach – und was ist herausgekommen? Ja, der Kommunismus ist gescheitert, er hat nicht Gleichheit und Wohlstand für alle hervorgebracht. Aber bei diesem Versuch hat er namenloses Leid über Millionen gebracht!

Was wird das Ergebnis der „Selbstbestimmungsideologie“ sein? Sie wird erstens scheitern und zweitens wird sie Unglück über die Menschen bringen. Und sie tut beides schon jetzt – Gott sei Dank scheitert sie, aber entsetzlicher Weise bringt sie viel Leid über diejenigen, die ihren verpesteten Geist einatmen müssen.

Sie scheitert, weil die Menschen nicht leben können, wie behauptet wird: Die wunderbare Kraft der sexuellen Liebe gelingt nicht mehr. Immer mehr Ehen scheitern oder sind unglücklicher denn je. Nicht weil die Ehe ein überholtes Modell wäre, sondern weil man sie nicht mehr lebt. Warum tut man das nicht mehr? Weil man den Menschen eingeredet hat, sie bräuchten sich um die Gesetze der Liebe nicht kümmern. Aber das große Glück der sexuell Befreiten will sich nicht und nicht einstellen, und die kriminellen Formen der Sexualität lassen sich immer schwerer im Zaun halten: Man denke etwa an die pädophilen Netzwerke (man lese dazu „Vater in der Hölle“ von Ulla Fröhling), die sich explosionsartig zu globalisieren scheinen, unterstützt von jenen Intellektuellen, die die „intergenerative Intimität“, wie sie Kindesmissbrauch schönzureden versuchen, nach dem argumentativen Strickmuster der Homosexuellen-Bewegung zu legitimieren suchen.

Zudem wird heute sichtbar und spürbar, wohin das alles führt: Die Menschen Mitteleuropas haben zu wenig Kinder.

Die erste Folge ist das Problem mit dem Generationenvertrag, der die Pensionen sichern soll, es aber immer weniger kann, weil die nächste Generation fehlt.

Die zweite Folge ist die Verkleinerung der Schulen und die Notwendigkeit, Lehrer zu entlassen.

Die dritte Folge ist es, dass Europa gezwungen ist, viele Menschen aus anderen Kulturkreisen herein zu holen, damit die Wirtschaft nicht zusammen bricht. Innerhalb von 25 Jahren müsse, las ich vor einiger Zeit, die EU 150 Millionen Menschen nach Europa holen, um den Mangel an eigenen Kindern auszugleichen. Natürlich bringen diese Menschen ihre Eigenarten, ihre Religion und ihre Ansprüche mit – und das bringt für beide Teile Probleme, zumal die eingeladenen Ausländer praktisch nur zu einem kleinen Teil Christen sind, was die Probleme immerhin ein wenig abschwächen könnte. Aber welcher Politiker getraute sich zu sagen, wir wollen vorrangig Christen ins Land holen?

Soll sich die Kirche sorgen, wenn die Bevölkerung Deutschlands genetisch gesehen mehr und mehr von Türken abstammt und von ihnen vielleicht ganz ersetzt wird? Eigentlich nein, aber traurig wäre es, wenn Deutschland eine türkische Provinz und vor allem ein muslimisches Land werden sollte. Das wäre wirklich traurig, und noch trauriger wie der Gedanke an Nordafrika, das einmal christlich war, oder an die Hagia Sophia, die von Kaiser Konstantin als Kirche errichtet wurde und jetzt schon über Jahrhunderte hin eine Moschee ist. Dabei ist nicht abzusehen, ob, wann und wie es eine große Bekehrung der Muslime zu Christus geben wird.

Um Missverständnisse auszuschließen: Ich sage kein Wort gegen Türken oder Muslime. Im Gegenteil, ich verstehe sie und gebe ihnen recht: Warum sollten sie Europa nicht friedlich, nur kraft ihrer Kinderzahl, in Besitz nehmen, wenn die Europäer von selbst ausgestorben sein werden? Sie wären verrückt, dieses herrliche, gut entwickelte Land brach und leer liegen zu lassen.

Wer in meiner Trauer über solche Perspektiven „Fremdenfeindlichkeit“ erblickt, dem rate ich, sie umzudrehen: Was würden die Türken sagen, wenn wir ihnen sagen, wir möchten aus der Türkei ein neues deutsches Bundesland machen, ohne Türken? Ich hätte Verständnis, wenn sie sagen, nein, das wollen wir nicht!

Europa stirbt vor sich hin, begeht eine Art Selbstmord. Wenn ein Volk nur Geld und keine Kinder für die Zukunft bereitstellt, benimmt es sich wie ein Seefahrer, der für eine lange Reise über das Meer viele Krüge und Becher an Bord nimmt, aber sehenden Auges kein Wasser ladet – und sich dann wundert, wenn die Mannschaft verdurstet, die leeren Becher in der Hand.

Wir Europäer machen es ebenso: Wir zahlen brav unsere Pensionen ein, aber wir übersehen, dass das Geld nur die eine Hälfte der Rentensicherung ist. Die andere „Hälfte“ muss in den Schoss der Frau „eingezahlt“ werden, so, dass Kinder entstehen. Anders kann es nicht gehen, und jeder weiß es – aber ein übermächtiges Tabusystem hat uns lange Zeit gehindert, das laut und deutlich zu sagen. Zu meinen, die Renteneinzahlung sei genug und unsere Altersvorsorge hänge nicht mehr – wie in Entwicklungsländern und in früheren Zeiten auch bei uns – von Kindern ab, kann nicht denken.

Ich hörte einmal von einem Indianerstamm, der angesichts seines hoffnungslosen Elends beschloss, auszusterben durch Kinderlosigkeit. Aber Europa? Welches Elend treibt uns in den Suizid?

IV. Was können Staat und Kirche tun?

Ich kenne kein Rezept, mit dem es möglich wäre, Europa von seinem Weg ins Verderben abzubringen. Ich weiß kein Argument, um die falschen Propheten zu überzeugen und sie dazu zu bringen, dass sie das Gute wieder gut und das Böse wieder böse nennen.

Staat und Kirche müssen auf je ihre eigene Weise auf die Bedrohung reagieren.

1. Der Staat

Es ist ein Lichtblick, dass Horst Köhler, der neue deutsche Bundespräsident, schon bei seiner ersten Ansprache in diese Richtung weist: „Ich habe das Gefühl, in unserer Gesellschaft entwickelt sich eine Renaissance der Familie.“ Diese Entwicklung müsse gefördert werden. „Ohne Kinder hat Deutschland keine Zukunft.“ Es müsse „als Land der Ideen vor allem ein Land für Kinder werden“. Köhler appellierte an Politik und Wirtschaft: „Schaffen Sie schneller bessere Bedingungen, helfen Sie mit, dass Frauen und Männer die Entscheidung für eine berufliche Karriere frei treffen können, ohne sich deshalb gegen Kinder entscheiden zu müssen.“ Zugleich sollten Mütter, die sich ganz für ihre Familien engagieren wollen, in der Gesellschaft mehr Anerkennung finden.

Was den Staat betrifft, muss er alle Strukturen und Gesetze Gesellschaft auf „Familien-Verträglichkeit“ hin prüfen und entsprechend ändern. Vorausgehen muss folgende einfache Überlegung:

• Wir brauchen Kinder, und zwar nicht so, wie wir Computer und Freibäder „brauchen“, sondern so, wie die tägliche Nahrung. Bei der Not, die es zu wenden gilt, geht es um Sein oder Nicht-Sein.
• Nur Frauen können Kinder gebären.
• Also müssen wir die Frauen motivieren und freistellen.
• Zur Motivation der Frauen gehört es zu fragen, unter welchen Bedingungen sie dazu bereit sind. Die Antwort wird lauten: Wir brauchen die materielle Absicherung und die soziale Anerkennung. Außerdem wollen wir unsere Kinder nicht allein großziehen müssen.
• Also müssen wir ihnen die Mittel geben. Zu sagen, dass wir kein Geld haben, ist ein Unsinn. Wenn es um das Überleben geht, muss das Geld da sein. Es ist da, wir müssen es umverteilen von den Singles und den Männern zu den Frauen. Ein Mann ohne Kinder, der im Alter von den Kindern anderer erhalten werden will, muss zahlen, übrigens auch die Priester.
• Wir müssen alles eindämmen so weit es möglich ist, was die Kinderzahl reduziert: Verhütung und Abtreibung.
• Wir müssen eine PR-Aktion starten zu Gunsten der Mütter, so, dass es einfach nicht mehr politisch-gesellschaftlich korrekt ist, sich über Mütter abfällig zu äußern.

Viele Einzelheiten eines solchen Programms können nur die Fachleute entwickeln. Aber wir können es ihnen nicht überlassen. Vor allem: Die Grundprinzipien sind nicht schwer einzusehen. Stephan Baier etwa hat in einem bedenkenswerten Artikel etliche konkrete Punkte genannt, über die man nicht nur nachdenken, sondern die man schleunigst umsetzen sollte.

So müsste der Staat und mit ihm alle gesellschaftliche Kräfte vorgehen, um die Katastrophe abzufangen.

2. Die Kirche

Aber als Mann der Kirche möchte ich nicht in die – leicht pharisäische – Haltung verfallen, nur auf die staatlichen Behörden zu zeigen. Wir Christen müssen uns auf unser Kerngeschäft besinnen und sehen, was wir falsch gemacht haben und was wir jetzt zu tun haben.

Der erste Schritt muss es sein, die Sehnsucht der Menschen nach Gott anzusprechen. Bischof Klaus Küng schrieb vor kurzem: „Dort, wo Gott entdeckt wird, entsteht im Vertrauen auf seine Hilfe die Bereitschaft zu einem klaren Ja, zur festen, unauflöslichen Bindung in der vor Gott geschlossenen Ehe“ und zu einer größeren Kinderzahl.

Folgerichtig ist der nächste Schritt die Wahrheit. Diese müssen wir – nach dem Vorbild der Propheten – unerschütterlich verkünden, verteidigen, erklären, und so das Lügen-Gebäude der Anti-Familien-Bewegung zum Einsturz bringen. Die Wahrheit lässt sich nicht widerlegen, hat Platon gesagt. Es entspricht auch meiner persönlichen Erfahrung: Wenn ich die Gelegenheit habe, Jugendlichen die katholische Lehre über die Liebe wirklich zu erklären, zeigt sich, dass die das, was sie vermutlich noch nie gehört haben, verstehen, offenbar, weil es dem Text, den Gott in ihr Herz geschrieben hat, sehr wohl entspricht.

Drittens darf es einer Umkehr: Die Kirche muss ihre eigenen Fehler einsehen und wieder gutmachen. Damit meine ich: In weiten Kreisen der Kirche nimmt man die ganze, unverkürzte Lehre der Kirche über Ehe und Familie seit Jahren nicht mehr an. Die Gründe sind vielfältig: Manche Theologen sind Blinde, die Blinde führen, nicht wenige Priester sind hilflos und ihr katholisches Immunsystem gegen den Zeitgeist ist angekränkelt, sie verstehen die Lehre der Kirche nicht so recht, sie sind mutlos oder haben von den Medien Angst und wagen es nicht mehr, der Kirche ganz zu vertrauen. Inhaltlich denke ich dabei an „Humanae vitae“, aber auch an die Lehre über voreheliche Enthaltsamkeit, an das, was die Moraltheologie die „Keuschheit“ in der Ehe nennt, an den Einbruch der homosexuellen Ideologie in die Kirche.

Wir dürfen den Widerspruch in all diesen Bereichen nicht im Namen einer falschen Toleranz auf sich beruhen lassen. Deswegen nicht, weil die entsprechenden Irrlehren die Ehen belasten oder sogar zerstören und weil sie dazu beitragen, dass das christliche Europa stirbt.

Ein vierter Schritt: Wir müssen Ehepaare ermutigen, die volle katholische Lehre zu leben. Dazu gehört es auch, bezüglich der Kinderzahl nicht minimalistisch, sondern großzügig zu denken. Damit verknüpfe ich die Hoffnung: Die unbelehrbaren Vertreter der „sexuellen Selbstbestimmung“ werden von selbst aussterben, die Christen werden überleben, weil sie Kinder haben. Und diese Kinder werden einmal auch Wähler sein und dann werden sie den Politikern die Kraft zurückgeben, um eine wirklich familienfreundliche und damit lebensfreundliche Politik zu machen. (In Anlehnung an die 68 könnte man den Slogan wählen: „Make more children, less money“)

Die Zukunft der Welt und der Kirche führt über die Familie“ (FC 75), hat Johannes Paul II. in einem oft zitierten Wort gesagt. Das ist nicht ein Satz für Spruchkarten, das vielleicht auch, sondern eine Wahrheit, der eine Entscheidung der Politik und der Kirche entsprechen muss:

„Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen“ , heißt es in der Bibel. Man könnte genauso sagen: „Familie und Tod lege ich dir vor, Kindersegen und Fluch. Wähle die Familie, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“